"I'm a bit shook. I hate losing." Felix 1, Magnus 0.

Magnus Carlsen verliert seine erste Banter-Blitz-Partie auf Chess24. War es ein anonymer GM, vielleicht sogar Nakamura himself?! Hier erzählt euch Felix die ganze Geschichte.

 

Magnus Carlsen ärgert sich
Quelle: Youtubekanal von Chess24, Banter Blitz 23.06.2019

Die großen Underdog-Geschichten im Sport werden im weitgehend professionalisierten Sport rar. Klar im Kino ist das immer möglich. Da kassiert Rocky einen Treffer nach dem anderen, um in der 12. Runde Apollo Creed KO zu schlagen. Die jamaikanische Bobmannschaft liefert sich ein packendes Duell mit den schweizerischen Olympiasiegern. Und Average Joe's schlägt Globo Gym im prestigeträchtigen Las Vegas Open (Danke, Chuck Norris!). Nun gesellt sich in diese Reihe eine Begebenheit vom 23.06. ein. Weltmeister Magnus Carlsen lädt zum Banter Blitz ein und Felix nimmt dies dankend an. 

Banter Blitz, was ist das?

Seit der Mitteilung, dass das von Magnus Carlsen ins Leben gerufene Unternehmen Play Magnus (insbesondere bekannt durch die Handyapp, mit der sich gegen Carlsen in verschiedenen Altersklassen spielen lässt) eine Fusion mit der Schach-Internetplattform chess24 eingeht (Mitte März dieses Jahres ist diese Fusion vollzogen worden), spielt Carlsen hin und wieder Banter Blitz auf chess24. Dieses Format hat dort bereits eine längere Tradition. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein starker Spieler - normalerweise ein Titelträger - gegen Premiummitglieder von chess24 Blitzpartien spielt und dabei sein Spiel kommentiert. Darüber alleine ließe sich einiges schreiben, z.B. auch über Frank Buchenaus Sieg gegen Peter Svidler. Doch nun erzählt Felix wie er den Weltmeister in die Knie gezwungen hat (ohne das ihm das Glück der Iren auf den Kopf gefallen ist):

Glück muss man haben (und Geduld)

Inzwischen zum vierten Mal stellte sich Carlsen am Sonntag den chess24-Mitgliedern. Schon vorher hatte ich natürlich versucht, eine Partie gegen ihn zu bekommen, denn was kann es schöneres für einen Schachspieler geben, als gegen den Weltmeister zu spielen? Das Internet verbindet heutzutage die Schachspieler über alle Grenzen hinweg und ermöglicht es so auch Begeisterten Partien gegen Titelträger zu spielen, etwas was in früheren Zeiten unvorstellbar erschien. Aber die Konkurrenz ist natürlich erwartet groß: keine anderthalb Stunden dauert die Sitzung, dann ist Carlsen auch schon wieder für mehrere Wochen weg. Die Zeit reicht kaum für 15 Spiele, insgesamt spielte er schon oder erst 53 Partien. Bedenkt man, dass es jenseits der 1000 Zuschauer gibt und es mit Sicherheit Herausforderer im dreistelligen Bereich versuchen, so ist allein die Chance auf ein Spiel gering. Doch diesmal war mir das Glück hold: fast hatte ich abgeschlossen mit diesem Versuch, da wurde das Video durch ein Brett ersetzt. Ich hatte eine 3-Minuten Partie gegen den Weltmeister!

Eine Partie mit Schreckmomenten

Natürlich: er spielte gegen mich nicht sein normales Repertoire. Doch das bedeutete auch, dass ich Eröffnungsvorteil bekam. Typisch für Partien mit Carlsen als Gegner verfehlten meine Züge jedoch ihre Wirkung, während Carlsen trotz diverser Springerzüge vor und zurück ausgleichen konnte. Doch oh Wunder: er begeht einen Fehler, den ich perfekt ausnutzte. Der Sieg rückte nahe vor Augen, denn mir war ohne jeden Zweifel klar, dass objektiv die Stellung bereits eindeutig besser ist.
 

Der Läufer hat sich verlaufen
Hier steht Weiß nach 25.Lg4 vermutlich schon auf Gewinn, nach dem gespielten noch stärkeren 25.g4! ist der auf Abwege geratene Lh3 nicht mehr zu retten


Nicht ohne Abenteuer konnte ich schließlich die Früchte ernten und mit einer glatten Mehrfigur im Endspiel sollte doch auch gegen den Weltmeister nichts mehr anbrennen. Doch nicht nur, dass man gegen Carlsen sich nicht über den Weg traut und alles doppelt und dreifach berechnet, auch der psychologische Zustand kann zum Gegner werden. Mit dem Sieg vor Augen kam dann die zitternde Hand ins Spiel: ich schaffte es nicht den richtigen und geplanten Zug auszuführen und der Vorteil war dahin.
 

Die Figur kann gewonnen werden
Hier gewinnt das einfache 32.gxh6 eine Figur, da der Lh5 indirekt durch die Springergabel auf f6 gedeckt ist. Stattdessen rutschte ich ab und zog 32.g6?


Also musste Plan B her: mit der besseren Zeit gewinnen. Carlsen ist zwar schnell, was er in vorherigen Partien eindrucksvoll bewiesen hat, aber ich auch, dem (zu vielen) Bullet spielen sei Dank. Mit der Zeit schwindet auch fast immer das Niveau, es ließen sich starke Parallelen zu fliegenden Figuren am richtigen Brett finden, doch mit 0.2 Sekunden mehr am Ende kann ich großzügig darüber hinweg sehen. 1-0!

So ein Erlebnis vergisst man nicht. Ich bin froh, dass es mir - im Vergleich zu manchen vorherigen Banter-Blitz-Partien - gelungen ist, eine weitestgehend gute Partie zu spielen. Da steigt die Hoffnung, dass Carlsen auf Revanche aus ist, wer weiß, vielleicht kriege ich ja sogar noch eine zweite Chance!

Die komplette Partie aus Magnus Sicht:

Wer sich von den angezeigten Namen verwirrt zeigt: Carlsen hat eine längere Tradition zu lustigen Namen. In diesem Fall ist die (lose) Verbindung zu einem Basketballspieler der Hintergedanke, was sich durch Carlsen Sportliebe erklären lässt. Und ich? Ja, meine Namenskreativität ist eher gering, es handelt sich um die japanische Lautschreibweise eines Seriencharakters namens Afro Samurai, der sich mir aufgrund seiner Stärke und Schnelligkeit anbot.

Epilog

Neben den verdienten Glückwünschen gehen im Nachgang die Spekulationen los. War es Nakamura oder etwa ein Cheater? Magnus selbst wirkt nach der Partie unkonzentriert und fahrig und liefert dafür direkt eine Erklärung: "I hate losing!"

[Event "3 min Banterblitz chess24"] [Site "?"] [Date "2019.06.23"] [Round "?"] [White "Hampel, Felix"] [Black "Carlsen, Magnus"] [Result "1-0"] [ECO "A10"] [Annotator "Hampel,Felix"] [PlyCount "107"] [EventDate "2019.??.??"] [EventType "blitz"] [SourceVersionDate "2019.06.23"] 1. c4 (1. e4 g6 2. d4 Nf6 3. e5 Nh5 {spielte Carlsen in den meisten vorhergehenden Partien, aber ich bin sicherlich nicht derjenige, der hier eine Widerlegung finden möchte}) 1... g6 2. Nf3 Bg7 3. d4 c5 4. d5 d6 5. e4 Nf6 6. Nc3 O-O 7. h3 {das ist deutlich eher meine Stellung} e6 8. Bd3 Na6 ( 8... exd5 {hatte ich tatsächlich in der letzten Saison auf dem Brett} 9. exd5 Re8+ 10. Be3 Rxe3+ 11. fxe3 {... 1-0 (Hampel - Joachim)}) 9. O-O e5 {hier hatte ich schon etwas Sorge ultimativ in einen Königsangriff zu geraten, wusste aber, dass objektiv alles mehr als in Ordnung sein sollte} 10. Be3 Nh5 11. Re1 {schafft dem weißfeldrigen Läufer das Rückzugsfeld f1} Nb8 {langsam, aber wie Carlsen anmerkte, kann man sich in geschlossenen Stellungen meist auch längere Manöver erlauben} 12. Nh2 {der Springer gefiel mir auf f3 nicht mehr, aber ein Teil davon kommt auch, weil ich nicht länger überlegen wollte} (12. Bf1 {wäre prophylaktisch auch gut gewesen}) (12. Qd2 f5 {ist ja genau, was Schwarz möchte}) 12... Nd7 13. Qd2 $6 (13. g3 {ist viel sinnvoller um Sf4 zu verhindern}) 13... Nf4 14. Bf1 $1 (14. Bxf4 exf4 15. Qxf4 {das Läuferpaar bietet mit den sehr schwachen schwarzen Feldern gute Kompensation, die will ich Schwarz auf keinen Fall geben}) 14... Nh5 15. g3 $6 (15. Qd1 { lustigerweise ist dies die Engineempfehlung}) 15... f5 16. exf5 gxf5 17. Qd1 $6 {inzwischen hat sich mein Vorteil zu großen Teilen verflüchtigt} (17. Bg5 { dachte Carlsen, aber ich habe Dd2 ja gar nicht gespielt um später Lg5 zu ermöglichen...}) 17... Ndf6 $6 {nicht gut, Carlsen spielte es trotzdem und wie sich zeigt zurecht} (17... Nhf6) 18. Be2 $2 (18. Bd2 $16 {die forcierte Sequenz ist nicht so toll für mich, da hätte ich lieber prophylaktisch spielen sollen}) 18... f4 $1 19. Bxh5 fxe3 20. Rxe3 Bh6 $2 {darüber wird sich Carlsen später zu Recht ärgern, der Grund findet sich in meinem 22. Zug} ( 20... Bxh3 $11 {hier muss Weiß sich aber bereits anstrengen}) 21. Re1 Bxh3 22. Ng4 $1 {der geht jetzt mit Tempo und Weiß wird es mindestens schaffen, mit dem guten Springer gegen den eher schwächeren schwarzfeldrigen Läufer übrig zu bleiben} Bg7 $6 (22... Bxg4 $16 {Schwarz muss sich schon damit abfinden}) 23. Nxf6+ {hier habe ich schon angefangen, an einen Sieg zu glauben} Qxf6 24. Ne4 Qh6 $2 {da steht die Dame ungünstig, allerdings ist guter Rat bereits teuer} (24... Qe7 25. Bg4 Bxg4 26. Qxg4 $18 {und Schwarz ist - in Carlsens Worten - busted (also ruiniert)}) 25. g4 $1 {hier wird es sogar noch übler, denn jetzt ist dank der Drohung g5 mit Damengewinn auf einmal der Läufer weg} Qf4 26. Qd3 $4 {das war ein echt unnötiger Fehler} (26. Re3 $18 {wollte ich auch erst spielen (gefolgt von De2 um den Se4 zu decken), doch dann dachte ich, warum nicht gleich Dd3...}) 26... Qf3 $4 (26... Bxg4 $11 {Schachblindheit}) 27. Qxf3 {jetzt stehe ich wieder klar auf Gewinn} Rxf3 28. Re3 {hier waren wir beide schon unter 30 Sekunden ohne Inkrement angelangt} Raf8 29. Rae1 Bh6 $6 { macht es mir (eigentlich) leicht} (29... Rxe3 30. Rxe3 Rf4 {hätte mich sicherlich böse überrascht, mit dem ausgesperrten Lh3 ist es aber immer noch einfach} 31. f3 $18) 30. Rxf3 Rxf3 31. g5 Rf5 32. g6 $4 {so kann man eine Partie auch ruinieren: erst will ich gxi6 spielen (geht nicht) und dann rutsche ich auch noch nach g6 ab...} (32. gxh6 $18 {und Schwarz kann nicht auf h5 schlagen:} Rxh5 33. Nf6+) 32... Kg7 33. Bd1 {okay, jetzt ist es überhaupt nicht mehr klar, aber mit schwindender Bedenkzeit kann man ja auch anders gewinnen...} hxg6 $2 34. Nxd6 $2 (34. Kh2 $18 {hätte mir das Leben stark erleichtert, da der Läufer mal wieder weg ist}) 34... Rf4 35. Ne4 Bf5 36. Bc2 Rh4 37. f3 Bf4 38. d6 {hier kriegte ich schon leichte Bedenken Matt zu gehen, aber Freibauern müssen laufen!} Rh2 39. Bb1 $2 {okay, der kam nur, weil der Zug so schön kurz ist (man muss bedenken, dass bei um die 10 Sekunden Restzeit hier die Qualität stark nachlässt)} (39. Ba4) 39... Rxb2 40. Rd1 Bd7 41. Nxc5 $4 Bc6 (41... Be3+ 42. Kh1 Bxc5) 42. d7 Be3+ 43. Kf1 Bxc5 $4 (43... Bxf3 {hätte mich vermutlich Matt gesetzt} 44. d8=Q (44. Be4 {rettet das Remis} Rf2+ 45. Ke1 Re2+ 46. Kf1 Rf2+) 44... Bg2+ 45. Ke1 Bf2#) 44. d8=Q Bxf3 45. Qd7+ Kh6 46. Qh3+ Kg5 47. Qxf3 Rg2 {ich glaube nicht, dass er den folgenden Zug antizipiert hat} 48. Qg3+ {Premove...} Rxg3 49. Rd3 {hier habe ich schon echt das große Zittern gekriegt (ich noch mit 3 Sekunden, Carlsen bei einer)} Rg1+ 50. Ke2 Rg2+ 51. Kd1 Rf2 52. Rd2 Kf4 53. Kc2 Kf3 54. Kc3 {mit zwei Zehntelsekunden gewinne ich das auf Zeit. Schade, dass die Partie am Ende noch so eine Zeitschlacht wurde, da war dann mein Mouseslip 32.g6 dran Schuld} 1-0
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